Die Angst vor dem Tod vs. Die Liebe zum Leben

Ich habe einen Vorschlag: Anstatt weiter unreflektiert und unter Ausschluss eines Großteils der Bevölkerung „Gesundheit geht vor“ als Leitsatz zu benutzen, wie wäre es stattdessen mit einer neuen Prämisse? Wie wäre es zum Beispiel mit: „Leben geht vor“?

Um etwaige Missverständnisse gleich im Vorfeld aus dem Weg zu räumen: Ich mag Menschen. Auch Menschen über 60 Jahre und Menschen mit Vorerkrankungen. Meine Großeltern waren zu ihren Lebzeiten wichtige Bezugspersonen für mich und ich hätte mir für sie ein ewig währendes Leben gewünscht. Mit anderen Worten: Senioren sind klasse. Ich bin ein großer Fan. Oft haben sie viele gute Geschichten auf Lager und verfügen über einen beneidenswerten Schatz an Lebenserfahrung und -weisheit. Sowie meine Oma. Meine Oma sagte Sachen wie: „Lass die Andern alle reden. Mach die Ellenbogen raus, mein Mädchen.“ Das waren ihre warmen, weisen Worte, die sie mir immer dann ans Herz legte, wenn es mir mal wieder wichtiger war, was Andere über mich denken, als das, was ich selber denke, fühle oder möchte.

Ich muss oft an meine liebe Oma und ihre Worte denken und wenn ich mich an sie erinnere, spüre ich deutlich, dass sie mir Kraft verleihen – und dass sich meine Ellenbogen ein ganz kleines Stückchen nach außen bewegen:)

Meine Oma starb im Oktober 2017 im Alter von 76 Jahren, nachdem ihre drei Kinder und ich sie fünf Tage und Nächte lang auf der Intensivstation begleitet hatten. Bis heute hab ich nicht genau verstanden, woran sie genau gestorben ist. Eigentlich lag sie im Krankenhaus, weil sie gestürzt war und sich etwas gebrochen hatte, nach ein paar Tagen aber wurde sie krank, bekam schlecht Luft und wurde auf die Intensivstation verlegt und in ein künstliches Koma versetzt. Obwohl die Ärzte sich nach Leibeskräften um meine Oma bemühten, konnten wir dabei zusehen, wie jeden Tag ein anderes Organ versagte. Am Morgen des 6. Tages, nachdem man sie ins Koma versetzt hatte, starb sie schließlich nach mehreren Reanimationsversuchen. Natürlich könnte man jetzt sagen, sie starb an multiplen Organversagen oder aufgrund eines Atemwegsinfekts, den sie sich im Krankenhaus zugezogen hatte, man könnte aber auch sagen, dass meine Oma eine Frau war, die in ihrem Leben – wie Viele in ihrem Alter – schon einige Schicksalsschläge erlitten hatte und unter Vorerkrankungen litt.

Vielleicht ist meine Oma aber auch gestorben, weil sie nicht mehr leben wollte oder konnte, weil ihr Körper ausgezehrt oder ihre Zeit gekommen war. Wie auch immer man es nennen möchte, fakt ist doch: Sie ist gestorben, weil der Tod zum Leben gehört. Mit der Stunde unserer Geburt eröffnet sich uns eine Welt voller Überraschungen, ein Leben voller Möglichkeiten, bei dem alles offen ist, nur eines ist gewiss: Wir werden sterben!

Wir wissen nicht wann, wir wissen nicht wo, wir wissen nicht wie, ABER: WIR WERDEN STERBEN. Diese Erkenntnis ist nicht neu und doch habe ich in den letzten Wochen das Gefühl, dass viele Menschen das auf einmal vergessen haben. Seit dem Ausbruch des Corona-Virus scheint sich alles um den Erhalt und den Schutz jedweden Menschenlebens zu drehen. Es ist mit Sicherheit nicht verwerflich sich und Andere vor Krankheiten schützen zu wollen, doch bitte mit dem/n richtigen Maß(-nahmen).

Wenn ich an dieser Stelle eine bescheidene Frage stellen darf: Vor was schützen wir uns denn hier eigentlich? Geht es hier wirklich noch um den Schutz unserer Gesundheit? Oder geht es nicht viel eher um den Schutz unseres Lebens? Ich sehe in den vielen maskierten und unmaskierten Gesichtern, die vor mir Reißaus nehmen, bevor sich unsere Wege auch nur im entferntesten kreuzen können, nämlich vor allem eines: Angst. Und zwar nicht nur die Angst vor Krankheit; sondern vor allem die Angst vor der dem Tod.

Und an dieser Stelle kann ich nur noch einmal in Erinnerung rufen: wir werden alle irgendwann sterben! Da können wir auch 500 Meter Abstand halten, uns mit Masken eingipsen, uns Desinfektionsmittel injizieren, wie kürzlich sogar von Trump erwogen, oder uns Impfen lassen, soviel wir wollen (oder müssen!), es bleibt dabei: Unser Leben wird irgendwann enden. Leben ist und bleibt nun einmal immer eins: tödlich.

Es ist natürlich traurig, wenn Menschen an Covid-19 sterben, doch genauso traurig ist es, wenn sie an Hautkrebs sterben oder bei einem Autounfall. Legen wir uns deswegen demnächst nur noch im Taucheranzug an den Strand und fahren kein Auto mehr? Der Tod von geliebten Menschen macht uns immer traurig, doch wenn wir nun anfangen jedes Menschenleben retten zu wollen, können wir bald nicht mal mehr das Haus verlassen – und selbst da besteht die Gefahr, dass wir in der Dusche ausrutschen.

Das durchschnittliche Sterbealter der Menschen, die hierzulande an oder mit oder durch (wie auch immer es nun richtig ist) den Corona-Virus gestorben sind, beträgt meines Wissens derzeit 79 Jahre. Das sind drei Jahre mehr als meine Oma hatte. Ja, dem ein oder anderen mag das zu früh erscheinen, aber um es auf den Punkt zu bringen: Eine Garantie haben wir nie. Die hat es auch nie gegeben. Niemand hat uns nach der Geburt die Hand geschüttelt und gesagt: „Hey XY, schön, dass du da bist, hiermit verspreche ich dir, dass du mindestens 118 Jahre alt wirst.“ Das war nie der Deal.

Ich plädiere dafür, dass wir uns weniger auf den Tod konzentrieren und dafür mehr auf das Leben. Das wir aufhören unsere Kinder einzusperren und die (alten) Menschen zu isolieren, die teilnehmen möchten am gesellschaftlichen und familiären Leben, und die mehr Angst vor Vereinsamung haben als vor Corona.

Ich wünsche mir, dass wir wieder anfangen, das Leben zu lieben und aufhören den Tod zu fürchten. Dieses Leben hat mich immer begeistert und ich würde mich wirklich glücklich schätzen, wenn ich 79 Jahre alt werde. Das sind noch ganze 47 Jahre. Doch diese Jahre möchte ich nicht in Angst und Verboten, mit Kontaktsperren und Masken verbringen, sondern mit den mir liebgewonnenen Grundrechten und in Freiheit!

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