(Unsere) Meinung im Wandel der Zeit

„Nur die Narren und die Toten ändern niemals ihre Meinung. “

Als mein Mann mir Anfang Januar erzählte, dass in China ein neues Virus ausgebrochen ist, nickte ich stumm und unterbrach dafür nicht mal meine abendliche Lektüre. Wenn mir jetzt jemand etwas von diesem Virus erzählt, fange ich entweder eine hitzige Grundsatzdebatte über Sinn und Verhätnismäßigkeit von Lockdown-Maßnahmen an oder breche ich Tränen aus.

Zwischen den beschriebenen Situationen liegen knapp vier Monate – und eine ganze Flut von Nachrichten. Schauen wir uns das mal genauer an. Was ist in diesen vier Monaten passiert? Eigentlich ist die Antwort darauf ganz einfach: Ich habe meine Meinung geändert. Und genau das ist das Problem. Zumindest für viele, die – wie unsere Politiker – starr an der einmal gebildeten Meinung, dem eingeschlagenen Kurs, festhalten.

Nachdem mein Mann mir von dem neuen Virus erzählte, das in China ausgebrochen war und dessen Namen ich mir nur merken konnte, weil es wie eine Biersorte hieß, passierte erstmal einige Wochen nichts. Zumindest in meiner kleinen Welt und rückblickend anscheinend auch in der Großen. Mein Mann wurde nicht müde mir jeden Abend von dieser neuen Bedrohung in Wuhan zu berichten und ich wurde nicht müde ihm das auszureden. Wenn er sagte, „Diesmal ist es was ganz Großes. Dieses Virus trifft uns alle.“, antworte ich: „Ja, Schatz, das haben sie bei der Schweinegrippe auch gesagt.“ Und damit war das Thema für mich gegessen.

Bis Anfang März die Meldungen über die rasante Ausbreitung des Virus zunahmen und ich mir langsam die Frage stellte, ob mein Mann mit seiner Einschätzung vielleicht recht gehabt haben könnte. Natürlich wollte ich das ihm gegenüber nicht zugeben, stattdessen redete ich mit meiner Arbeitskollegin darüber, die mich beruhigte. Sie checke regelmäßig das Internet auf Warnungen und Sicherheitshinweise diesbezüglich und von Seiten des Robert-Koch-Instituts gäbe es da nichts.

Trotzdem und im Zuge der Verbreitung des Corona-Virus in Italien fing ich an mir Gedanken zu machen und fragte mich, inwieweit das Virus wohl Auswirkungen auf mein eigenes Leben haben könnte. Da ich keine Vorerkrankungen habe, schätzte ich die Gefahr für meine Gesundheit gering ein, kam aber zu dem Schluss, dass ich beruflich betroffen sein könnte, weil möglicherweise einige Theatervorstellungen abgesagt würden.

Was war ich doch für ein Schaf! Seit dem 13.3. sind alle Theatervorstellungen abgesagt, schlimmer noch: die Schulen sind komplett geschlossen worden und bis zum heutigen Tage ist nicht klar, wann wir überhaupt je wieder eine Vorstellung haben werden, weil teilweise nicht mal sicher ist, wann die SchülerInnen wieder in der Schule sein werden.

Trotz meiner persönlichen beruflichen Betroffenheit war ich zu Beginn der Schulschließungen der festen Überzeugung, dass dies eben getan werden müsste um uns, um die Bevölkerung, und vor allen die Risikogruppen zu schützen. #flattenthecurve

Als am 23.03. der „richtige“ Lockdown verkündet wurde, fühlte ich mich als freitheitsliebender Mensch zwar unmittelbar eingeengt und bevormundet, dachte aber, das müsse eben so sein um die Infektionszahlen zu senken. Das würde schon seine Richtigkeit haben. Wenn meine Mutter, die ein eigenes Unternehmen leitet, und ebenfalls mit Corona-bedingten Absagen, stornierten Aufträgen und einbrechenden Umsatzzahlen zu kämpfen hat, am Telefon von ihrer Existenzangst und ihrer Wut über die politischen Entscheidungen berichtete, konnte ich sie zwar verstehen, doch teilte ich weder ihre Wut noch ihre Angst. Ich bin von Natur aus eher optimistisch veranlagt und sah auch nun die Dinge positiv: Nach den Osterferien, also am 20.4. würden die Schulen und die Läden wieder öffnen, die Wirtschaft würde angekurbelt und alles würde nach und nach wieder in Ordnung kommen, alles würde gut werden.

Das dachte ich und versuchte mich abzulenken von der ständigen Corona-Informationsflut, mich auf mein Schreiben zu konzentrieren und mich an dem schönen Wetter zu erfreuen. Und trotzdem tauchten in mir mehr und mehr Gedanken auf, die die politischen Entscheidungen in Frage stellten. Plötzlich kamen in mir Zweifel über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen auf und ich realisierte immer mehr, dass sie teilweise erhebliche Einschnitte in unsere Grundrechte darstellen. In der Woche vor Ostern erreichten mich außerdem zunehmend Nachrichten mit Zeitungsartikeln und Videos, von Menschen, die offenbar ähnliche Zweifel hatten wie ich.

Was ich in den Artikeln und Statistiken las und in Experten-Interviews hörte, entsetzte mich richtiggehend und in mir kam der schreckliche Verdacht auf, dass hier politisch etwas in die ganz falsche Richtung lief! Was mich dabei jedoch am meisten irritierte war, dass außer mir und ein paar vereinzelten Arbeitskollegen und Freunden, niemand diese Schieflage zu bemerken schien. Und wenn, dann störte sie anscheinend zumindest niemanden. Im Gegenteil: Die meisten meiner Freunde und Verwandte finden die Maßnahmen gerechtgertigt und sind teilweise sogar der Ansicht, „der Lockdown habe doch viel Gutes bewirkt“! WAAAS? Wo hat der Lockdown denn viel Gutes bewirkt? Unzählige Menschen werden arbeitslos, haben Existenzangst bekommen Depressionen und Angststörungen, manche begehen vielleicht sogar Suizid… Manche werden Opfer von häuslicher Gewalt, es ist mit vermehrter Kindeswohlgefährdung zu rechnen, Menschen vereinsamen, Unternehmen gehen pleite…. Diese Liste ließe sich wahrscheinlich noch endlos so weiter führen. Aber klar: Der Lockdown hat viel Gutes bewirkt!

Wenn überhaupt etwas an dem Lockdown gut war, dann dass die viel genannte Reproduktionszahl nach Ostern auf etwa 1 gesunken ist. Trotzdem und zu meinem großen Entsetzen wurden die Schulen nach den Ferien nicht wie erwartet geöffnet. Auch jetzt noch sind viele Schulen geschlossen oder müssen einen Großteil der Schülerschaft im Home-Schooling belassen, weil ihnen die räumlichen Kapazitäten und/oder die personellen und finanziellen Mittel fehlen, um die verordneten Hygiene- und Sicherheitsstandarts einzuhalten. Zu der nicht Enden wollenden Liste der negativen und teilweise verheerenden Auswirkungen des Lockdowns kommt nun also auch noch der totale Zusammenbruch des Bildungssystems hinzu, das ohnehin schon marode war und für das wir uns im internationalen Vergleich auch in der Vergangenheit schon schämen mussten.

Mit immer mehr Freunden führe ich inzwischen ellenlange WhatsApp-Diskussionen über das Für und Wider der Maßnahmen. Ich verbringe mehrere Stunden damit – was nicht weiter schlimm ist, denn ich hab ja viel Zeit. Schlimm ist allerdings, was ich in mehreren Videos und Zeitungsartikeln sehe: nämlich dass die R-Kurve schon vor der Schulschließung am 16.3. und vor der Einführung des Lockdowns am 23.3. stark gefallen ist, ähnlich wie in Schweden, das ohne starke Einschränkungen und Schulschließungen durch diese Krise geht. Mit anderen Worten: Der Lockdowm war absolut unnötig. Das macht mich erst recht wütend. Schließlich ist es schon schlimm genug seinen Job zu verlieren, noch schlimmer ist es, wenn man ihn auch noch unnötigerweise verliert.

Wie eine Besessene tippe ich auf mein Handy ein, leite Videos, pdfs und Links weiter und versuche jeden von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen, der mir schreibt, er halte alles, was hier gerade passiert für gerechtfertigt. Und davon stehen so einige in meiner Kontaktliste. Auch die, die „gar nicht mehr wissen, was sie glauben sollen“ kriegen von mir die volle Ladung Info-Material und meine aufrührerische Demokratie- & Freiheitsrede ab. Und auch die selbsternannten Graustufendenker, die finden „man dürfe, dass alles nicht so schwarz-weiß sehen“, bleiben nicht von meiner Aufklärungsarbeit in Sachen Grundrechte verschont.

Blöd nur, dass ich offenbar niemanden erreiche und mich immer mehr über die Ignoranz und den blinden Gehorsam der Menschen aufrege. Zwischendurch erschrecke ich zwar ein wenig über meine eigene Intoleranz, doch es fällt mir zunehmend schwerer mich mit Menschen zu unterhalten und zu schreiben, die nicht einsehen wollen (oder können), dass die Maßnahmen nicht verhältnismäßig, teilweise sogar unsinnig und in jedem Falle destruktiv sind und in keinerlei Relation zum Ausmaß der Bedrohung stehen.

„Reg dich doch nicht immer gleich so auf!“, sagt mein Mann zum wiederholten Male und rollt mit den Augen, während er mich dabei beobachtet, wie ich wie von Sinnen auf mein Handy eintippe, als könnte ich durch starken Druck auf die Tasten auch den Druck auf meinen digitalen Diskussionspartner erhöhen. „Ich rege mich nicht auf.“, erwidere ich ohne aufzusehen. „Aber ich kann einfach nicht glauben, dass einige meiner Freunde nicht sehen, was die Maßmahmen mit uns und diesem Land anrichten! Meine Freunde, verstehst du, das sind Menschen, die ich liebe, zu denen ich aufsehe – und jetzt verliere ich mehr und mehr den Respekt vor ihnen.“ Mein Mann betrachtet mich mit einer Mischung aus Belustigung und Sorge und sagt: „Sie haben halt Angst und glauben, das Virus ist extrem gefährlich und sie müssten sich und andere davor schützen, deswegen halten sie auch die politischen Entscheidungen für richtig. Und wenn ich dich daran erinnern darf, Schatz, hast du das bis letzte Woche auch noch gedacht. Und davor hast du gemeint, Corona sei überhaupt nicht schlimm und mich belächelt, wenn ich dir von der rasanten Ausbreitung erzählt hab. Du musst dir mal überlegen, was nun wirklich deine Meinung ist. Nur weil du deine Meinung ständig änderst, kannst du nicht erwarten, dass alle Anderen das auch tun.“

Für einen Moment fühle ich mich angegriffen, obwohl es nicht als Angriff gemeint war, und auch ein wenig ertappt. Stimmte es? Änderte ich meine Meinung wie ein Fähnchen im Wind? Ja, anscheinend. Ich denke kurz darüber nach und dann wird mir plötzlich bewusst, wie froh ich darüber bin. Wäre es nicht furchtbar, wenn man seine Meinung niemals ändern würde, wenn es dafür triftige Gründe und – wie im Fall von Corona – eine völlig veränderte Faktenlage gibt? Frei nach dem Motto: Wer Holzwege zu Ende geht, ist nicht konsequent, sondern dumm! Mit dieser neugewonnenen Erkenntnis schlucke ich meinen verletzten Stolz herunter und sage zu meinem Mann: „Du hast vollkommen Recht. Ich habe meine Meinung geändert und das finde ich auch wichtig und richtig. Denn am Anfang habe ich – wie viele andere auch – die Gefahr durch den Virus unterschätzt und danach habe ich eine ganze Zeitlang den NDR-Podcast mit Drosten gehört und seinen Worten glauben geschenkt, dass wir spätestens im Sommer weltweit schreckliche Bilder von unzähligen Toten sehen werden, die wir in den apokalyptisvhsten Hollywood-Filmen noch nicht gesehen hätten.“

„Und was ist dann passiert?“, fragt mein Mann und schaut mich neugierig an. ‚Dann habe ich aufgehört den Podcast zu hören, weil Drosten mir mit seinen düsteren Prognosen Angst gemacht hat. Wie du weißt, habe ich mich dann ein paar Tage so gut es geht rausgezogen aus dem Thema, doch das geht natürlich kaum. Und je mehr ich mich wieder mit dem Thema beschäftigt habe, je mehr Statistiken und, je mehr Interviews ich gesehen, je mehr Artikel ich gelesen habe, desto mehr bildete sich in mir eine neue und auch alte Meinung, die nun aber auf Fakten basiert ist: Das Virus ist nicht so infektiös und auch nicht so tödlich, wie anfangs angenommen, was ihn meiner Ansicht nach gefährlich macht und vor allem in anderen Ländern tödlich werden lässt, ist ein marodes, oft zu Tode gespartes Gesundheitssystem.“

„Du hast recht.“, sagt mein Mann ein paar Stunden später plötzlich. „Mit dieser Corona-Sache meine ich.“ „Ach.“, antworte ich fast ein wenig süffisant. „Wie kommt es, dass du jetzt deine Meinung änderst? Hat einer deiner Lieblings-Youtuber ein Video dazu gemacht?“ „Sehr witzig. Ich habe immer noch Angst vor Corona und davor die Krankheit zu kriegen. Aber du hast recht, die Maßnahmen sind übertrieben.“ „Danke.“, sage ich und freue mich ehrlich darüber. „Das klingt komisch, aber ich merke richtig ein bisschen wie sich meine Meinung ändert. Ich hab da gerade ein Video zu gesehen von…“

Das ist das Lustige an unserer Meinung: Wir können felsenfest von einer Sache überzeugt sein, doch manchmal muss nur der richtige Mensch mit den richtigen Worten zur richtigen Zeit auf die richtige Weise das Richtige zu uns sagen – und wir sind bereit sie zu verändern. Vielleicht bin ich nicht der richtige Mensch für meine Freunde und einige meiner Familienmitglieder, vielleicht gibt es auch keinen richtigen Menschen. Aber für alle, die das hier lesen, für alle die sich angesprochen, vielleicht sogar angegriffen fühlen: Ich möchte euch nicht angreifen. Ich möchte nur, dass ihr wisst: „Seine Meinung zu ändern ist keine Schwäche, es ist eine Stärke.“

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