Des Kaisers neue Kleider

„Es ist leichter, die Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind“

Mark Twain

Als ich vor knapp 4 Monaten anfing diesen Blog zu schreiben, wollte ich damit vor allem meine Meinung kundtun. Die Welt hatte sich schlagartig verändert, mein Leben war plötzlich ganz anders, ich war von heute auf morgen arbeitslos, wir durften unsere Freunde und Verwandten nicht mehr besuchen und am besten gar nicht erst das Haus verlassen. Das Schreiben über meine Erlebnisse, Emotionen und Erkenntnisse während dieser „Corona-Zeit“ und des Lockdowns stellte eine Art Kompensation für mich da. Eine Möglichkeit der Verarbeitung und Reflektion der herausfordernden Zeit, in der wir lebten. Und ich hoffte auch Gleichgesinnte zu erreichen und vielleicht sogar den einen oder anderen Menschen von meiner Meinung zu überzeugen, dass der Lockdown das größere Übel ist als das Virus. Ich wollte vor allem meine Freunde und Familienmitglieder dazu bewegen, die Zustände und Maßnahmen der Regierung, wenn sie sie schon nicht kritisierten wie ich es tat, dann wenigstens zu hinterfragen.

Vier Monate, unzählige Diskussionen und (Streit-)Gespräche und WhatsApp-Argumentationen später, habe ich mehr und mehr den Verdacht, dass mein Vorhaben, Informationen zu streuen, „Aufklärungsarbeit“ zu betreiben, wie es manchmal kritisch genannt wurde und Menschen zum umdenken zu bewegen von Vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Nicht, weil es mir nicht gelungen ist, alle Menschen in meinem Umfeld von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Sondern weil im Grunde jede/r Einzelne schon überzeugt war. Nur nicht von derselben Sache.

Je mehr Zeit verstrich, desto frustrierter und verzweifelter wurde ich und nach und nach wurde mir klar, dass die Gesellschaft sich mittlerweile nicht in zwei, sondern in drei Lager spaltet:

1. Die, die von der Gefährlichkeit des Corona-Virus überzeugt sind und die Maßnahmen der Regierung für richtig, angemessen und sinnig und die Berichterstattung der Medien für wahrhaft und differenziert halten. Ich nenne die Angehörigen dieser Kategorie im Weiteren liebevoll die „Zeugen Coronas„.

2. Die, die zwar nicht (mehr) glauben, dass Corona eine gefährliche und für jeden Todbringende Seuche ist, und die auch mit den Maßnahmen der Regierung nicht gänzlich einverstanden sind. Die Vertreter dieser Ansicht sind jedoch davon überzeugt, dass man entweder eh nichts ändern kann oder dass man auch nichts ändern sollte, sondern einfach abwarten muss, bis die Regierung die Pandemie für beendet erklärt oder es keine neuen Corona- Infizierten mehr gibt. Bis dahin sollte man abwarten, sich an die Regeln halten und Maske tragen. Bezeichnenderweise teilen sich die Anhänger dieser Gruppe in Bezug auf die Medien widerum in zwei Unterkategorien: Typ a) glaubt, er würde immer wahrheitsgetreu, neutral, objektiv und sachgerecht von den Qualitätsmedien informiert. Typ b) ist sich darüber bewusst, dass einige oder sogar alle Medien hin und wieder die Unwahrheit erzählen, Tatsachen verzerren oder Falschmeldungen bringen, findet das aber nicht schlimm. Die Angehörigen dieser Kategorie, werde ich unabhängig ob Typ a oder b, im weiteren Verlauf dieses Artikels „die Nackte-Kleider-Fraktion/Träger“ nennen. (Warum erkläre ich noch)

3. Die, die die Letalität von Corona im Bereich von 0,1% bis 0,3% und damit vergleichbar zur Grippe einordnen, die keine Angst vor Ansteckung haben und die Maßnahmen der Politik hinterfragen und kritisieren. Die sich über die Kolleteralschäden bewusst sind, diese anmahnen und teilweise selber davon betroffen sind. Vertreter dieser Kategorie, die ich im Folgenden mit allem Respekt „Corona-Rebellen“ nennen werde, sind auf Demos anzutreffen, unterzeichnen Petitionen gegen die Maskenpflicht, recherchieren täglich zur Corona-Thematik, lesen Artikel, schauen YouTube-Videos, Talkrunden bei Lanz und Maybritt Illner und schreiben Blog-Artikel.😉

Während ich zu Beginn meiner „Aufklärungsarbeit“ noch davon ausging, dass die meisten Menschen, die nicht zu den Corona-Rebellen gehörten zum ersten Lager, also den Zeugen Coronas gehörten. So gewann ich mehr und mehr und nach vielen langwierigen Diskussionen mit mir lieben Menschen den Eindruck, dass die meisten Personen inzwischen zur „Fraktion der nackten Kleider“ gehören.

Wieso? Oder vielmehr: Was meine ich damit? Wie die Überschrift schon sagt, ist meine Bezeichnung des zweiten Lagers eine Analogie auf das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen aus dem Jahr 1837. Für alle, die das Märchen nicht kennen oder deren Kindheit schon lange her ist, hier eine kurze Zusammenfassung:

Vielleicht fällt dem einen oder anderen Leser spontan eine eigene Interpretation der Geschichte ein, die wie ich finde sehr schön mit der jetzigen Situation vergleichbar ist. Für mich sind die Anhänger des zweiten Lagers, egal, ob sie an die Rechtschaffenheit der Medien glauben oder nicht, wie die Menschen, auf der Straße, die alle so tun als würden sie die neuen Kleider des Kaisers sehen und bewundern, aus Angst, dass sie sonst „ihres Amts nicht würdig“ [=keine guten, systemtreuen, solidarischen BürgerInnen] oder „dumm“ [=Covidioten, Aluhüte, Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme,etc.] sein könnten. Wahlweise könnten die Angehörigen der Nackten-Kleider-Fraktion auch die Rolle des Kaisers einnehmen und damit selber Nackte-Kleider-Träger sein. Denn wie der Kaiser in Andersens Märchen entscheiden auch sie sich dafür, „auszuhalten und mit [ihrem] Hofstaat die [Masken]Parade fort[zuführen].“

So oder so scheint die Nackte-Kleider-Fraktion es fortzuziehen eine nach und nach aufgedeckte Farce weiter fortzuführen, als die nackte Wahrheit erkennen zu wollen. Die Rolle des Kindes wird in meiner Interpretation der Geschichte natürlich von den Corona-Rebellen übernommen, ist ja klar;-) Denn wie das Kind in dem Märchen, rufen auch wir laut, was wir sehen und was wir nicht sehen. Wir widersprechen dem Kaiser und den [beiden] Betrügern, die „für viel Geld neue Gewänder weben“ und uns weiß machen wollen, „die Kleider seien nicht gewöhnlich“.

Erst jetzt beim Schreiben bemerke ich, wie gut diese Analogie eigentlich passt. Und noch etwas anderes bemerke ich: Vielleicht ist das Kind, dass im Märchen die Wahrheit ruft, gar kein unartiger Corona-Rebell, der sich fragt, wieso um alles in der Welt wir hier eigentlich Masken tragen. Vielleicht symbolisiert das Kind vielmehr die Medien, die, wenn sie frei, objektiv, neutral, differenziert, unabhängig und nicht systemgesteuert berichten würden, in der Lage wären, die Wahrheit, die nackten Fakten, wie ein Lauffeuer unter den Menschen zu verbreiten.

Und so wird mir auch noch etwas anderes klar: Die Kategorisierung, die ich weiter oben vorgenommen habe, ist im Grunde gar keine Spaltung. Wohlmöglich ist sie eher ein Übergang, der Weg, der beschreibt, wie man von einem Zeugen Coronas zu einem Corona-Rebellen werden kann. Vielleicht führt der Weg tatsächlich über die Nackte-Kleider-Fraktion. Vielleicht muss man erst einmal in neuen Kleidern rumgerannt sein, bis man auf jemanden oder eine Quelle stößt, der/die so vertrauenswürdig und ehrlich ist wie das Kind in dem Märchen, bis man endlich erkennt, dass man die ganze Zeit nackt war. Dass die anderen [Menschen, Medien oder Merkels] einen getäuscht haben.

Das kann durchaus sein, bei mir jedenfalls war es so. Ich bin eine zeitlang auch in dem Glauben herumgelaufen, die Tagesschau sagt immer die Wahrheit und als ich dann irgendwann erkannte, dass dem nicht so ist, dass ich im Grunde schon die ganze Zeit getäuscht worden war, schämte ich mich – wie wohl auch der Kaiser in dem oben genannten Märchen. Ich schämte mich wegen meiner Gutgläubigkeit, ich war wütend, enttäuscht und traurig – und auch wenn das keine schönen Gefühle sind, kann ich nur jedem empfehlen, den Weg vom Zeugen-Coronas, über den Typ a & Typ b der Nackte-Kleider-Fraktion zu gehen. Denn auch, wenn man sich nicht gerne schämt, weil man die ganze Zeit nackt durch die Gegend gerannt ist, so kann man danach endlich losgehen und sich vernünftige Kleider anziehen.

Auf die Idee zu dem Vergleich mit dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ bin ich übrigens nach einer WhatsApp-Unterhaltung mit meinem Bruder gekommen, darin schrieb er mir Folgendes:

Ich glaube nicht, dass du es durch deine Beteiligung an Demonstrationen beschleunigst, sondern es weiter nach hinten verzögerst.
Und das nicht, weil sich so viele Menschen neu auf der Demonstration anstecken oder erkranken, sondern weil ich der Meinung bin, wenn alle es so hinnehmen würden, wie es aktuell ist und die aktuellen Regeln befolgen würden, die Regierung keine Gründe hat, die Maßnahmen länger zu rechtfertigen. Durch Demonstration gibt man jedoch der Regierung Gründe weiter an den Maßnahmen festzuhalten, weil dadurch, vielleicht auch nur gefakt die Fallzahlen steigen.

Da kam mir das Bild von dem nackten Kaiser. Und mein Bruder erweckte in mir den Eindruck, er könnte einer der umstehenden Bürger sein, die sich denken: Ich sehe zwar, dass du keine Kleidung trägst, aber wenn ich nichts sage, ist die Peinlichkeit für alle Beteiligten schneller vorbei. Du kannst wieder Klamotten anziehen und ich kann schneller nach Hause. [Die Doppeldeutigkeit von Peinlichkeit ist hier durchaus gewollt]

Übersetzt hieß die Nachricht meines Bruders für mich: Die Regierung will blinden Gehorsam, der nicht faktisch begründet ist. Also gebe ich als systemtreuer Bürger der Regierung, was sie will, ohne Widerstand zu leisten. Und bestätige damit die Regierenden in ihrer Annahme, dass wir regeltreuen Bürger ohne ersichtlichen Grund blinden Gehorsam leisten, ohne Fragen zu stellen. Das könnte man auch als Teufelskreis der Unmündigkeit bezeichnen.

2 Kommentare zu „Des Kaisers neue Kleider

  1. Liebe Anna, ein komplexer Text, den auch ich mir konzentriert zu Gemüte führen musste … ich frage mich, wie eine so intelligente und wache Frau, mit höchsten moralischen Ansprüchen an sich und auch an politisch Handelnde…. einen solch oberflächlichen und gleichgültigen Bruder haben kann … ihr wart offenbar beide im Bottich, vom Zaubertrank hat er nicht viel abbekommen … wohin soll eine Gesellschaft und Demokratie führen, wenn es nur Menschen wie ihn gäbe!
    Helmut Schmidt hat den kategorischen Imperativ zur Grundlage seines Handeln erklärt: Handle so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit und sogleich als eine allgemeine Gesetzesgrundlage dienen könne!!! Diese Grundlage gilt für jeden Politiker … und es ist unsere Pflicht, jeden nach diesem Grundsatz kritisch zu prüfen … und im Zweifel zu handeln!
    Lg Thorsten

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  2. Liebe Anna, vielen Dank für diesen Text, den ich, wie alle Deine Beträge immer mehrfach lese und wirken lasse.
    Ich bewundere Deine Energie , Menschen, die der Kategorie “ Nackte – Kleider- Träger“ angehören, oder den „Zeugen Coranas“ immer wieder den Spiegel vorzuhalten und liebevoll aufzuklären. Das hast Du wunderbar gemacht in diesem Betrag. Hab herzlichen Dank dafür.

    Als „Corona Rebell“, oder „Corona Kritiker“ verstehe ich so sehr Deinen Unmut darüber, dass Menschen sich nicht erheben, kritisch hinterfragen und handeln.
    Ich glaube, viele Menschen haben von der Corona Krise profitiert, sie genießen die Heimarbeit, haben zwar vielleicht weniger Geld, bedingt durch Kurzarbeit, fühlen sich aber nicht eingeschränkt und saugen alles auf, was die Presse berichtet. Von diesen Menschen kann man nicht erwarten, dass sie über den Tellerrand schauen.

    Als psychologische Beraterin in der Gesundheitsbranche habe ich in Seminaren und Supervisionen mit Teilnehmern zu tun, die viele Einschränkungen erleben, das bedeutet Mehrarbeit in den Altenheimen, Bewohner zu unterstützen, die keinen Besuch bekommen und vereinsamen und an gebrochenem Herzen sterben und nicht an Corona!!
    Pflegekräfte, die damit leben müssen, dass der Klinikbetrieb heruntergeschraubt und Patienten abgewiesen wurden und keine OP bekamen, weil Räumlichkeiten geschaffen werden mussten für evtl. Corona Fälle.
    Viele Menschen halten aus und haben vielleicht nicht den Mut oder die Kraft , etwas zu verändern. Es gibt Menschen, die ich auch kennengelernt habe, die ähnlich wie Dein Bruder glauben, wenn kein Protest aus der Bevölkerung kommt, wäre der ganze Spuk ganz schnell vorbei, weil ja dann die gefakten Fallzahlen nicht mehr ins Rennen kommen und die Regierung keinen Grund mehr hat, Maßnahmen zu verhängen. Es gibt viele Menschen, die vielleicht einfach resigniert habe.
    Ich finde es sehr wichtig und richtig, Menschen aufzuklären, aber auch die Meinung anderer Menschen stehenzulassen.

    Zu Herrn Schmidt, da ich maßgeblich an dem Zaubertrank beteiligt war ,finde ich es sehr schön, welch wertschätzende Rückmeldung Sie meiner Tochter gegeben haben. Ich vermisse in Ihrem Kommentar allerdings die demokratische Wertschätzung meinem Sohn gegenüber, denn schließlich zeichnet sich Demokratie dadurch aus, dass alle Menschen frei ihre Meinung sagen dürfen.
    Dies beinhaltet auch die Toleranz für die Meinungsäußerungen anders Denkender!
    Eine Demokratie lebt von der Meinungsfreiheit und Akzeptanz von Andersdenkenden!!!
    Diese vermisse ich bei Ihnen!
    Und einen Menschen zu bewerten hinsichtlich Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, finde ich nicht angemessen!

    Liebe Anna, ich wünsche Dir ganz viel Energie und Kraft für Deine Arbeit, Aufklärungsarbeit und Deinen Blog.
    Es drückt Dich herzlichst !
    Deine Mama

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