Ein tiefes Vergessen liegt auch über ihren Gräbern

„Corruptissima re publica plurimae leges.“ Tacitus

 „Je verdorbener ein Staat, desto mehr Gesetze hat er.“ 1

Die letzten Monate habe ich nichts von mir hören lassen und vermieden Gespräche über das Thema Corona zu führen, weil solche Gespräche leider oft in Streitigkeiten endeten und mich emotional unglaublich mitgenommen haben. Trotzdem ist es mir natürlich nicht gelungen, dieses Thema auszublenden, denn es ist – wie bei wahrscheinlich bei jedem Menschen dieser Tage – allgegenwärtig.

Es gibt Tage, da würde ich am liebsten den Kopf in den Sand stecken und habe beinahe ein schlechtes Gewissen, dass ich nun kurz davor bin ein Kind in diese Welt zu setzen, die von so vielen blinden und/oder korrupten Mächten regiert wird. Dann aber gibt mir genau dieses ungeborene Leben in meinem Bauch wieder Hoffnung und erinnert mich daran, dass es etwas gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Daher möchte ich nun wieder aktiv werden mit diesem Blog und auch verstärkt mit Menschen über das aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehen ins Gespräch kommen.

Beigetragen zu meinem Entschluss nicht länger untätig zu bleiben, hat ein beeindruckendes und gleichermaßen aufrüttelndes Buch, das ich vor kurzem gelesen habe. Ein Buch namens „Ein tiefes Vergessen liegt auch über ihren Gräbern“ von der unglaublich weitblickenden und begabten Autorin Rebekka Jost, dessen Titel auf Carl von Ossietzky² zurückgeht und nicht besser gewählt sein könnte.

Dieses Buch ist Familiengeschichte und Gesellschaftsportrait in einem und damit eine großartige, gelungene Reflektion der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten 150 Jahre. Dabei versteht es die Autorin auf imposante Weise die aktuellen Geschehnisse seit Beginn der Corona-Krise mit den Verwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts zu verweben.

„Angenommen Sie schlafen gemütlich in ihrem Bett. Sie wollen auch schlafen und zwar mindestens bis um acht Uhr am Morgen. Gegen ein Uhr am Morgen schließt jemand die Tür ab, sodass Sie den Raum nicht verlassen können. Sie merken das nicht, sondern schlafen friedlich weiter. Gegen sechs Uhr am morgen wird die Tür wieder aufgeschlossen. Sie stehen, wie beabsichtigt gegen acht Uhr auf. Waren Sie der Freiheit beraubt?“ (S.154)

Die Geschichte um die Familie von Elsa und Eduard und dessen Bruder Ernst, der als Vordenker seiner Zeit die historischen Entwicklungen rund um den ersten Weltkrieg festhält, zieht den Leser schnell in den Bann und hat mir an vielen Stellen die Augen geöffnet. Viele Passagen haben mich regelrecht erschüttert, da sie mich an die heutigen politischen Entwicklungen erinnert haben:

„Brüning lässt Hitler aber mittlerweile auch wie eine Laus in seinem Pelz gewähren. Hauptsache, es geht irgendwie weiter.“ […]

„Er scheint tatsächlich den „Legalitätseid“ so auszulegen, dass Hitler die Verfassung wahren wird.“ […]

„Und die SPD macht das alles still und artig mit, Hauptsache, es gibt keine erneute Reichstagsauflösung und Neuwahlen. Sie haben ihren Namen wirklich untreffend gewählt. Viel treffender wäre so was wie PdäSD, Partei der ängstlichen Stillhalter Deutschlands oder HPD, wie Hasenpartei Deutschland“

„Oder WKTP: „Wir stellen uns in jeder Krise tot-Partei“. (S. 149)

Bei manchen Textstellen musste ich sogar weinen, so sehr ist es Rebekka Jost gelungen, die Gefühle der Protagonisten zu beschreiben, in die ich mich sehr gut hineinversetzen und hineinfühlen konnte:

„Elsa hatte das Gefühl, an einem falschen Ort zu sein. Alle hier schienen eine ganz andere Wahrnehmung von der Wirklichkeit zu haben, als sie. […] Wie war es möglich, das sich all diese Menschen Hoffnung versprachen von diesen braunen Banden? Oder waren sie verrückt? Hatten sie den Blick für die Wirklichkeit verloren? Wie konnte es sein, dass so viele Menschen das anders sahen als sie? So unglaublich viele Menschen…

[…] Wo waren die Menschen, die sich schützend vor sie stellten? Es gab sie nicht. Stattdessen befürwortete die Mehrheit, was da geschah…“ (S.181/182)

Die historischen Ereignisse in Rebekka Josts beachtlichen Werk sind hervorragend recherchiert – allein 20 Seiten Quellenangaben hat die Autorin ihrem Roman beigefügt –  und dabei gleichermaßen aufschlussreich wie erschreckend. Erschreckend deswegen, weil die Parallelen, die Rebekka Jost zwischen unserer heutigen Zeit und der Ära vor und nach dem ersten Weltkrieg zieht, dem Leser einmal mehr vor Augen führen, wie wichtig wahrheitsgetreue und vielseitige Berichterstattung ist, die die Meinungspluralität in einer Demokratie abbildet.  Denn spätestens nach der Lektüre von „Ein tiefes Vergessen liegt auch über ihren Gräbern“ wird klar, dass die Vergangenheit vor allem eins gezeigt hat: Die Mehrheit hat selten recht und wenn es um politische Entscheidungen geht, irrt sie sogar regelmäßig katastrophal.

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“3, Paul Sethe, Mitbegründer der FAZ

Und auch „DIE WISSENSCHAFT“, diese derzeit vielzitierte und heutzutage gerne im Singular genannte Instanz mit Anspruch auf Alleingültigkeit, irrte in der deutschen Vergangenheit mehrfach auf verhängnisvolle Weise. Ein Beispiel dafür ist das Manifest der 93:

„Das Manifest der 93, auch als „Aufruf an die Kulturwelt“ bezeichnet, wurde im September 1914 von Ludwig Fulda verfasst […und…] 93 Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller Deutschlands hatten es unterzeichnet. Mit ihrer Unterschrift hatten die Unterzeichner sich vorbehaltlos mit der deutschen Kriegführung solidarisiert. […].“4 (S.46)

Ein weiteres Bespiel für das Irren der Mehrheit ist die sogenannte „Erklärung der Hochschullehrer des deutschen Reiches“ mit 3000 (!) Unterzeichnern, darunter Emil Adolf von Behring, Lujo Brentano, Paul Ehrlich, Fritz Haber, Ernst Haeckel, Carl Hauptmann, Max Liebermann, Franz von Liszt, Walther Hermann Nernst, Max Planck, Martin Spahn.4

Weit weniger bekannt hingegen ist der vom Wissenschaftler und Arzt Georg Friedrich Nicolai im Oktober 1914 verfasste „Aufruf an die Europäer“, das sogenannte „Gegenmanifest“.

„Dieser war ein Appell an alle Europäer, zusammenzuhalten. Nicolai führte aus, dass Technik und Verkehr zu einer „gemeinsamen Weltkultur“ drängten, Europa bereits eine Einheit darstelle, die „gebildeten und wohlwollenden Europäer“ zu dem Versuch verpflichtet seien, den Untergang dieses Europa durch einen „Bruderkrieg“ zu verhindern. Weiter führte er aus, der gegenwärtige Kampf werde „wohl kaum einen Sieger, sondern nur Besiegte zurücklassen“ und dass verhindert werden müsse, dass  „die Bedingungen des Friedens die Quelle künftiger Kriege werden“[…] Es gab nur drei Unterzeichner diese Aufrufs. Das waren Albert Einstein, Otto Buek und Wilhelm Foerster, (der kurz zuvor das Manifest der 93 unterzeichnet hatte).“5 6 (S.47)

Heutzutage würde man diese drei wahrscheinlich als Querdenker bezeichnen. Wir „Corona-Rebellen“ und „Impf-Verweigerer“ sind also in guter Gesellschaft.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass „Ein tiefes Vergessen liegt auch über ihren Gräbern“ eine große Leserschaft findet und schlage vor, dieses wichtige und weise Buch zur Schullektüre zu machen.

Denn dann besteht Hoffnung, dass Geschichte sich eben doch nicht immer wiederholen muss und vielleicht muss dann eines Tages niemand mehr die Frage stellen: Wie um alles in der Welt konnte das passieren?

 „Nur wer einmal erlebt hat, an die Grenzen zu stoßen, weil ihm bei irgendeiner Sache übel aufstößt, der spürt mit einem Mal, dass die Freiheit dort endet, wo sie anfangen will.“(S.153)

Quellen:

Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf die folgende Ausgabe von Rebekka Josts „Ein tiefes Vergessen liegt auch über ihren Gräbern“, 2. Auflage, Erscheinungsdatum: 13.09.2020

1 Tacitus, Annalen III, 27. ¸https://beruhmte-zitate.de/zitate/125380-tacitus-je-verdorbener-der-staat-desto-mehr-gesetze-hat-e/

2 „Ein tiefes Vergessen liegt über diesen Gräbern, ein trauriges Umsonst“, schrieb der Pazifist Carl von Ossietzky am 6. November 1928 in der Weltbühne; Quelle: Carl von Ossietzky, „Deutschland ist…“ in Weltbühne Nr. 45 vom 6. Nov. 1928 S. 689 ff.

3 Paul Sethe war später einer der Mitbegründer der FAZ. Von 1934-43 war er Redakteur der Frankfurter Zeitung, für die er ab 1940 auch als Kriegsbericht-erstatter tätig war. Er war Angehöriger einer Propagandakompanie der Waffen-SS bzw. Wehrmacht. Anschließend Chefredakteur beim Frankfurter Anzeiger und seit dem Frühjahr 1944 auch für den völkischen Beobachter tätig. Nach dem zweiten Weltkrieg gehörte er der Badischen Zeitung in Freiburg im Breisgau an. Dann gab er mit vier anderen ab 49 die FAZ heraus und von 62-65 war er Leitartikler und politischer Ressortchef bei die Welt. Später schrieb er für Die Zeit und den Stern. Sethe gehörte zu den führenden Journalisten der der Nachkriegsära. Seinen Berufsstand betrachtete er als „das Gewissen der Nation“. Er schrieb im Spiegel vom 5. Mai 1965: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Sethe; https://web.archive.org/web/20091225121615/http://www.gerdgruendler.de/Erinnerung%20an%20Paul%20Sethe.html

4 Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Manifest_der_93

5 Quelle, ganzer Abschnitt: https://www.bpb.de/apuz/28984/wissenschaft-und-politik-einsteins-berliner-zeit?p=3. aufger. am 23.8.2020 um 10:53.

6 Quelle: https://www.bpb.de/apuz/28984/Wissenschaft-und-politik-ein-steins-berliner-zeit?p=3; https://de.wikipedia.org/wiki/Aufruf_an_die_Europ%C3%A4er. aufger. am 23.8.2020 um 10:53.

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